Direkt zum Text
Menü

Wie barrierefrei und sicher wird der Stuttgarter Tiefbahnhof?

„Gute Verkäufer erzählen die halbe Wahrheit.“ Mit diesem Satz begrüßte diskussion21.de seine Leser schon vor über zehn Jahren, und er passt bis heute. Die Bahn verspricht im neuen Tiefbahnhof kurze Wege und einen komplett barrierefreien Bahnhof. In den Planunterlagen stehen Zahlen, die nüchterner klingen.

Dieses Dossier sammelt diese Zahlen. Es stützt sich auf den Planfeststellungsbeschluss von 2005, auf die Protokolle der Schlichtung von 2010, auf schriftliche Antworten des Bahnvorstands und auf Anfragen in Bundestag und Landtag. Wo wir selbst rechnen, zeigen wir den Rechenweg; wo eine Zahl umstritten ist, steht das dabei.

Die Frage dahinter ist einfach: Kommt man in diesem Bahnhof mit Rollstuhl, Kinderwagen oder zwei schweren Koffern zum Zug? Und kommt man im Notfall wieder heraus, auch wenn man nicht rennen kann?

Aktuelle Beiträge

Themen

  • Zwei Menschen im Rollstuhl auf einem schmalen Bahnsteig in Rosenheim, links das Gleis, rechts ein Geländer
    Engstellen2,04 Meter neben den Rolltreppen: wer dort vorbei muss und was die Normen sagen.
  • Weiße Metallsitze auf einem Bahnsteig in Darmstadt, daneben weiße Leitstreifen im Pflaster
    Gefälle15,143 statt 2,5 Promille: die Ausnahme beim Gefälle und ihre Folgen.
  • Roter Aufzugsturm mit U-Bahn-Zeichen am Münchner Orleansplatz, der Zugang zu einem unterirdischen Bahnhof
    Aufzüge und TreppenDrei Aufzüge je Bahnsteig, nachgerechnet mit 95 Prozent Verfügbarkeit.
  • Unterirdischer S-Bahnsteig in Hattingen mit gelb-grün gestreiften Säulen und einem einzelnen Gleis
    FluchtwegeWas im Brandfall mit Menschen geschieht, die nicht laufen können.
  • Langer Fluchttunnel südöstlich des Hauptbahnhofs mit Lüftungsrohr unter der Decke, durch den Besucher am Tag der offenen Baustelle 2019 gehen
    FildertunnelFluchtwege von 1,20 Metern, Querschläge alle 500 Meter, trockene Löschleitungen.
  • Dichter schwarzer Rauch steigt über den Bahnsteigdächern eines großen Bahnhofs auf
    ZugbrändeDie Brände des Jahres 2011, die Übung von Schönefeld und das Feuer von Daegu.
  • Kelchstütze im Rohbau im Juni 2023, mit Lichtöffnung, gehalten von schlanken Stahlstützen, ringsum Gerüste
    PlanfeststellungWas das Eisenbahn-Bundesamt 2005 genehmigt hat und mit welcher Begründung.
  • Nahaufnahme eines Bodenleitsystems mit Rillenplatten für blinde und sehbehinderte Menschen
    Gesetze und NormenUN-Konvention, Gleichstellungsgesetz, DIN-Normen und Eisenbahnrecht.
  • Moderner Landtagsbau aus Glas neben dem barocken Neuen Schloss in Stuttgart
    Behörden und StudienMinisterien, die Studie der TU Berlin und das Bündnis der Verbände.
  • Kleiner Endhaltepunkt Dettenhausen an der Schönbuchbahn mit altem Empfangsgebäude und einem Gleis
    Bahnhöfe im LandWie viele Stationen im Land 2008 und 2009 stufenfrei waren.
  • Große Platanen mit heller Rinde im verschneiten Stuttgarter Schlossgarten, Februar 2010
    Schlichtung 2010Der Faktencheck von 2010 und die Forderungen nach Stuttgart 21 PLUS.
  • Westfassade des Bonatzbaus mit Turm und Baugerüsten, davor ein gelber Baukran
    Aussagen der BahnAntworten des Bahnvorstands und Werbebroschüren, Satz für Satz geprüft.
  • Gleisvorfeld des Kopfbahnhofs im Abendlicht mit vielen parallelen Gleisen, rechts die Bäume des Rosensteinparks
    ChronikDie wichtigen Daten von 2001 bis 2026 in einer Übersicht.

Fünf Punkte, an denen sich die Kritik festmacht

  1. Zu schmale Stellen auf den Bahnsteigen. Wo am mittleren Steg die Rolltreppen stehen, sind die Bahnsteige nur 2,04 Meter breit, nach Abzug der Sicherheitszone an der Kante bleiben 1,24 Meter Gehweg. Mehr dazu unter Engstellen.
  2. Ein Gefälle, das es so in keinem deutschen Bahnhof gab. Die Bahnsteige fallen mit 15,143 Promille, die Regelneigung für Bahnhöfe liegt bei 2,5 Promille. Was das für Kinderwagen und abgestellte Koffer heißt, steht unter Gefälle.
  3. Keine barrierefreien Fluchtwege. Im Brandfall dürfen die Aufzüge nicht benutzt werden, die Rolltreppen stehen still. Wer nicht Treppen steigen kann, soll auf Helfer warten. Siehe Fluchtwege.
  4. Selbstrettung nur nach oben. Alle Wege aus der Bahnsteighalle führen hinauf, also dorthin, wo sich Rauch sammelt.
  5. Enge Rettungswege in den Zulauftunneln. Im Fildertunnel sind 1,20 Meter breite Fluchtwege geplant; in der Kurve bleiben nach Rechnung von Kritikern gut 80 Zentimeter.

Kennzahlen aus Plänen und Antworten der Bahn

Zentrale Maße des Tiefbahnhofs im Vergleich mit Vorgaben und dem heutigen Kopfbahnhof
MerkmalStuttgart 21 laut PlanungZum Vergleich
Breite der Bahnsteige10 mKopfbahnhof ähnlich, teils etwa 8 m
Engstellen am Steg B2,04 m auf je 9 m LängeEBO: 2,80 m am Ende eines Mittelbahnsteigs ohne Ausgang
Davon nutzbarer Gehweg1,24 mEin Kofferkuli ist 1,10 m lang
Zahl dieser Engstellen16, zusammen 144 mkeine im Kopfbahnhof
Längsneigung der Bahnsteige15,143 ‰Regelneigung 2,5 ‰
Höhenunterschied in der Hallerund 6,5 m auf 430 mbei 2,5 ‰ wären es gut 1 m
Treppen je Bahnsteig5, je 2,35 m breit und 7 m hochKopfbahnhof: ebenerdig
Aufzüge je Bahnsteig3im Brandfall gesperrt
Fluchtweg im Fildertunnel1,20 m laut Beschlussin der Kurve rechnerisch etwa 0,81 m

Die Quellen zu jeder Zeile stehen auf den jeweiligen Themenseiten und gesammelt unter Quellen.

Wo Treppen, Rolltreppen und Aufzüge liegen, zeigt eine Skizze von 2011 aus dem früheren Bestand von diskussion21.de, hier für zwei der vier Bahnsteige. Die kurzen roten Striche sind Treppen, die langen Rolltreppen.

Skizze des Tiefbahnhofs mit zwei Bahnsteigen, den Verteilerstegen A bis C, Treppen, Rolltreppen und Aufzügen

Was der Schlichter 2010 verlangte

Nach neun öffentlichen Runden fasste Heiner Geißler am 30. November 2010 seinen Schlichterspruch. Zwei Punkte darin betreffen genau die Fragen dieses Dossiers:

4.) Im Bahnhof selber wird die Verkehrssicherheit entscheidend verbessert. Im Interesse von Behinderten, Familien mit Kindern, älteren und kranken Menschen müssen die Durchgänge, gemessen an der bisherigen Planfeststellung, verbreitert werden. Die Fluchtwege sind barrierefrei zu machen.

5.) Die bisher vorgesehenen Maßnahmen im Bahnhof und in den Tunnels zum Brandschutz und zur Entrauchung müssen verbessert werden. Die Vorschläge der Stuttgarter Feuerwehr werden berücksichtigt.

Quelle: Schlichterspruch vom 30.11.2010, Ziffer 11, Punkte 4 und 5

Ein Jahr später hieß es aus dem Landtag, die Bahn habe auf diese Forderung „in keiner Weise reagiert“. Wie die Schlichtung ablief und was sonst darin stand, haben wir auf der Seite Schlichtung zusammengefasst.

Gläserne Kuppel eines Lichtauges auf dem Dach der Bahnsteighalle, dahinter weitere Lichtaugen, Baukräne und Häuser am Hang

Warum der Kopfbahnhof der Maßstab ist

Ein Bahnhof ist kein Kaufhaus. Wer ein Kaufhaus ohne stufenlosen Notausgang meiden will, geht in ein anderes. Wer in Stuttgart einen Fernzug erreichen muss, hat dagegen nur diesen einen Hauptbahnhof.

Der heutige Kopfbahnhof liegt ebenerdig. Um barrierefrei zu sein, braucht er vieles nicht, was der Tiefbahnhof braucht:

  • keine Aufzüge und Rolltreppen, vor denen sich Schlangen bilden und die ausfallen können,
  • kein Quergefälle, das ein Längsgefälle ausgleichen soll,
  • keinen rollhemmenden Belag, damit nichts wegrollt,
  • keine Bauwerke, über die im Ernstfall Rauch abziehen soll,
  • keine Sonderlösungen, damit Menschen mit eingeschränkter Mobilität im Notfall allein, schnell und sicher hinauskommen.

Das heißt nicht, dass am Kopfbahnhof alles gut war. Wer dort wartet, steht bei Wind und Wetter am Gleis, und die Sanierung des Gebäudes wurde jahrelang aufgeschoben. Aber in einem Punkt ist er schwer zu schlagen: Man geht vom Zug geradeaus ins Freie.

Gleisfeld des Stuttgarter Kopfbahnhofs von oben, links die Bahnsteigdächer, rechts eine Straße mit AutosBahnsteig im Stuttgarter Kopfbahnhof zwischen zwei Fernzügen, in der Mitte eine Kabine für das Aufsichtspersonal

Der Bau im Jahr 2026

Der Rohbau ist weit fortgeschritten. Beim Tag der offenen Baustelle im April 2026 standen Besucher in der Bahnsteighalle zwischen den Kelchstützen. Breite und Gefälle der Bahnsteige sind damit gebaut, sie lassen sich nicht mehr ändern. Der Termin für die Inbetriebnahme wurde mehrfach verschoben.

Blick in die Bahnsteighalle des Tiefbahnhofs: weiße Kelchstütze mit rundem Lichtauge darüber, darunter abgedeckte Gleise

Offen bleibt, was sich bei Ausstattung und Rettungskonzept getan hat, etwa bei der Entrauchung oder bei der Zahl der Aufzüge. Wer dazu belastbare Unterlagen hat, erreicht uns unter [email protected].

Bildrechte, teils als Ausschnitt: Bahnsteig in Rosenheim während einer Baustelle: früherer Bestand von diskussion21.de; Sitzbank am Bahnsteig, Darmstadt: Ingolfson, gemeinfrei, Wikimedia Commons; Aufzug am Orleansplatz, München (Ausschnitt): Renardo la vulpo, CC0, Wikimedia Commons; S-Bahnhof Hattingen Mitte, 2024: Deutschereditor, CC0, Wikimedia Commons; Fluchttunnel am Tag der offenen Baustelle 2019 (Ausschnitt): Sam Gamdschie, CC BY 3.0, Wikimedia Commons; Zugbrand im Bahnhof Kapstadt, Juli 2018: Sargoth, CC0, Wikimedia Commons; Kelchstütze im Rohbau, Juni 2023 (Ausschnitt): Lisa Sommer, CC0, Wikimedia Commons; Blindenleitsystem, Wien Handelskai: Tokfo, CC0, Wikimedia Commons; Landtag und Neues Schloss: Martin Hahn, CC0, Wikimedia Commons; Endhaltepunkt Dettenhausen, 2006: D. Beutler, gemeinfrei, Wikimedia Commons; Platanen im Schlossgarten, Februar 2010: Gerd Eichmann, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons; Bonatzbau während des Umbaus, November 2022 (Ausschnitt): Mussklprozz, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons; Gleisvorfeld vom Bahnhofsturm, 2008: Xocolatl, gemeinfrei, Wikimedia Commons; Skizze Tiefbahnhof, 2011: früherer Bestand von diskussion21.de; Lichtauge auf dem Hallendach, April 2026 (Ausschnitt): Mussklprozz, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons; Gleisfeld vom Bahnhofsturm, 2008: Xocolatl, gemeinfrei, Wikimedia Commons; Bahnsteig mit Aufsichtskabine, 2023 (Ausschnitt): JoachimKohler-HB, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons; Bahnsteighalle am Tag der offenen Baustelle 2026: Mussklprozz, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.