Wie barrierefrei und sicher wird der Stuttgarter Tiefbahnhof?
„Gute Verkäufer erzählen die halbe Wahrheit.“ Mit diesem Satz begrüßte diskussion21.de seine Leser schon vor über zehn Jahren, und er passt bis heute. Die Bahn verspricht im neuen Tiefbahnhof kurze Wege und einen komplett barrierefreien Bahnhof. In den Planunterlagen stehen Zahlen, die nüchterner klingen.
Dieses Dossier sammelt diese Zahlen. Es stützt sich auf den Planfeststellungsbeschluss von 2005, auf die Protokolle der Schlichtung von 2010, auf schriftliche Antworten des Bahnvorstands und auf Anfragen in Bundestag und Landtag. Wo wir selbst rechnen, zeigen wir den Rechenweg; wo eine Zahl umstritten ist, steht das dabei.
Die Frage dahinter ist einfach: Kommt man in diesem Bahnhof mit Rollstuhl, Kinderwagen oder zwei schweren Koffern zum Zug? Und kommt man im Notfall wieder heraus, auch wenn man nicht rennen kann?
Aktuelle Beiträge
- Wer sich amtlich mit der Barrierefreiheit befassteWem Barrierefreiheit nützt, laut zwei Bundesministerien, und warum eine Studie der TU Berlin 2008 Fragen offenlassen musste.
- Die Aussagen der Bahn im AbgleichElf Bürgerfragen auf direktzu, sieben Antworten und zwei Broschüren, nebeneinandergelegt.
- Wie viele Bahnhöfe im Land stufenfrei sind670 Bahnhöfe, 484 davon stufenfrei: die Antworten an Bundestag und Landtag aus den Jahren 2008 und 2009.
- Der Faktencheck von 2010 und der SchlichterspruchNeun Runden im Rathaus, ein Spruch mit Bedingungen und die Frage, was ein Ausstieg gekostet hätte.
- Der Fildertunnel und die Frage nach dem FluchtwegWas in der langen Röhre zu den Fildern passiert, wenn ein Zug brennt, und wie breit der Weg hinaus ist.
- Wenn ein Zug brenntMehr als ein Zugbrand im Monat: die Sammlung von 2011 und was sie über die Planung unter der Erde sagt.
Themen
Engstellen2,04 Meter neben den Rolltreppen: wer dort vorbei muss und was die Normen sagen.
Gefälle15,143 statt 2,5 Promille: die Ausnahme beim Gefälle und ihre Folgen.
Aufzüge und TreppenDrei Aufzüge je Bahnsteig, nachgerechnet mit 95 Prozent Verfügbarkeit.
FluchtwegeWas im Brandfall mit Menschen geschieht, die nicht laufen können.
FildertunnelFluchtwege von 1,20 Metern, Querschläge alle 500 Meter, trockene Löschleitungen.
ZugbrändeDie Brände des Jahres 2011, die Übung von Schönefeld und das Feuer von Daegu.
PlanfeststellungWas das Eisenbahn-Bundesamt 2005 genehmigt hat und mit welcher Begründung.
Gesetze und NormenUN-Konvention, Gleichstellungsgesetz, DIN-Normen und Eisenbahnrecht.
Behörden und StudienMinisterien, die Studie der TU Berlin und das Bündnis der Verbände.
Bahnhöfe im LandWie viele Stationen im Land 2008 und 2009 stufenfrei waren.
Schlichtung 2010Der Faktencheck von 2010 und die Forderungen nach Stuttgart 21 PLUS.
Aussagen der BahnAntworten des Bahnvorstands und Werbebroschüren, Satz für Satz geprüft.
ChronikDie wichtigen Daten von 2001 bis 2026 in einer Übersicht.
Fünf Punkte, an denen sich die Kritik festmacht
- Zu schmale Stellen auf den Bahnsteigen. Wo am mittleren Steg die Rolltreppen stehen, sind die Bahnsteige nur 2,04 Meter breit, nach Abzug der Sicherheitszone an der Kante bleiben 1,24 Meter Gehweg. Mehr dazu unter Engstellen.
- Ein Gefälle, das es so in keinem deutschen Bahnhof gab. Die Bahnsteige fallen mit 15,143 Promille, die Regelneigung für Bahnhöfe liegt bei 2,5 Promille. Was das für Kinderwagen und abgestellte Koffer heißt, steht unter Gefälle.
- Keine barrierefreien Fluchtwege. Im Brandfall dürfen die Aufzüge nicht benutzt werden, die Rolltreppen stehen still. Wer nicht Treppen steigen kann, soll auf Helfer warten. Siehe Fluchtwege.
- Selbstrettung nur nach oben. Alle Wege aus der Bahnsteighalle führen hinauf, also dorthin, wo sich Rauch sammelt.
- Enge Rettungswege in den Zulauftunneln. Im Fildertunnel sind 1,20 Meter breite Fluchtwege geplant; in der Kurve bleiben nach Rechnung von Kritikern gut 80 Zentimeter.
Kennzahlen aus Plänen und Antworten der Bahn
| Merkmal | Stuttgart 21 laut Planung | Zum Vergleich |
|---|---|---|
| Breite der Bahnsteige | 10 m | Kopfbahnhof ähnlich, teils etwa 8 m |
| Engstellen am Steg B | 2,04 m auf je 9 m Länge | EBO: 2,80 m am Ende eines Mittelbahnsteigs ohne Ausgang |
| Davon nutzbarer Gehweg | 1,24 m | Ein Kofferkuli ist 1,10 m lang |
| Zahl dieser Engstellen | 16, zusammen 144 m | keine im Kopfbahnhof |
| Längsneigung der Bahnsteige | 15,143 ‰ | Regelneigung 2,5 ‰ |
| Höhenunterschied in der Halle | rund 6,5 m auf 430 m | bei 2,5 ‰ wären es gut 1 m |
| Treppen je Bahnsteig | 5, je 2,35 m breit und 7 m hoch | Kopfbahnhof: ebenerdig |
| Aufzüge je Bahnsteig | 3 | im Brandfall gesperrt |
| Fluchtweg im Fildertunnel | 1,20 m laut Beschluss | in der Kurve rechnerisch etwa 0,81 m |
Die Quellen zu jeder Zeile stehen auf den jeweiligen Themenseiten und gesammelt unter Quellen.
Wo Treppen, Rolltreppen und Aufzüge liegen, zeigt eine Skizze von 2011 aus dem früheren Bestand von diskussion21.de, hier für zwei der vier Bahnsteige. Die kurzen roten Striche sind Treppen, die langen Rolltreppen.

Was der Schlichter 2010 verlangte
Nach neun öffentlichen Runden fasste Heiner Geißler am 30. November 2010 seinen Schlichterspruch. Zwei Punkte darin betreffen genau die Fragen dieses Dossiers:
4.) Im Bahnhof selber wird die Verkehrssicherheit entscheidend verbessert. Im Interesse von Behinderten, Familien mit Kindern, älteren und kranken Menschen müssen die Durchgänge, gemessen an der bisherigen Planfeststellung, verbreitert werden. Die Fluchtwege sind barrierefrei zu machen.
5.) Die bisher vorgesehenen Maßnahmen im Bahnhof und in den Tunnels zum Brandschutz und zur Entrauchung müssen verbessert werden. Die Vorschläge der Stuttgarter Feuerwehr werden berücksichtigt.
Quelle: Schlichterspruch vom 30.11.2010, Ziffer 11, Punkte 4 und 5
Ein Jahr später hieß es aus dem Landtag, die Bahn habe auf diese Forderung „in keiner Weise reagiert“. Wie die Schlichtung ablief und was sonst darin stand, haben wir auf der Seite Schlichtung zusammengefasst.

Warum der Kopfbahnhof der Maßstab ist
Ein Bahnhof ist kein Kaufhaus. Wer ein Kaufhaus ohne stufenlosen Notausgang meiden will, geht in ein anderes. Wer in Stuttgart einen Fernzug erreichen muss, hat dagegen nur diesen einen Hauptbahnhof.
Der heutige Kopfbahnhof liegt ebenerdig. Um barrierefrei zu sein, braucht er vieles nicht, was der Tiefbahnhof braucht:
- keine Aufzüge und Rolltreppen, vor denen sich Schlangen bilden und die ausfallen können,
- kein Quergefälle, das ein Längsgefälle ausgleichen soll,
- keinen rollhemmenden Belag, damit nichts wegrollt,
- keine Bauwerke, über die im Ernstfall Rauch abziehen soll,
- keine Sonderlösungen, damit Menschen mit eingeschränkter Mobilität im Notfall allein, schnell und sicher hinauskommen.
Das heißt nicht, dass am Kopfbahnhof alles gut war. Wer dort wartet, steht bei Wind und Wetter am Gleis, und die Sanierung des Gebäudes wurde jahrelang aufgeschoben. Aber in einem Punkt ist er schwer zu schlagen: Man geht vom Zug geradeaus ins Freie.


Der Bau im Jahr 2026
Der Rohbau ist weit fortgeschritten. Beim Tag der offenen Baustelle im April 2026 standen Besucher in der Bahnsteighalle zwischen den Kelchstützen. Breite und Gefälle der Bahnsteige sind damit gebaut, sie lassen sich nicht mehr ändern. Der Termin für die Inbetriebnahme wurde mehrfach verschoben.

Offen bleibt, was sich bei Ausstattung und Rettungskonzept getan hat, etwa bei der Entrauchung oder bei der Zahl der Aufzüge. Wer dazu belastbare Unterlagen hat, erreicht uns unter [email protected].
Bildrechte, teils als Ausschnitt: Bahnsteig in Rosenheim während einer Baustelle: früherer Bestand von diskussion21.de; Sitzbank am Bahnsteig, Darmstadt: Ingolfson, gemeinfrei, Wikimedia Commons; Aufzug am Orleansplatz, München (Ausschnitt): Renardo la vulpo, CC0, Wikimedia Commons; S-Bahnhof Hattingen Mitte, 2024: Deutschereditor, CC0, Wikimedia Commons; Fluchttunnel am Tag der offenen Baustelle 2019 (Ausschnitt): Sam Gamdschie, CC BY 3.0, Wikimedia Commons; Zugbrand im Bahnhof Kapstadt, Juli 2018: Sargoth, CC0, Wikimedia Commons; Kelchstütze im Rohbau, Juni 2023 (Ausschnitt): Lisa Sommer, CC0, Wikimedia Commons; Blindenleitsystem, Wien Handelskai: Tokfo, CC0, Wikimedia Commons; Landtag und Neues Schloss: Martin Hahn, CC0, Wikimedia Commons; Endhaltepunkt Dettenhausen, 2006: D. Beutler, gemeinfrei, Wikimedia Commons; Platanen im Schlossgarten, Februar 2010: Gerd Eichmann, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons; Bonatzbau während des Umbaus, November 2022 (Ausschnitt): Mussklprozz, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons; Gleisvorfeld vom Bahnhofsturm, 2008: Xocolatl, gemeinfrei, Wikimedia Commons; Skizze Tiefbahnhof, 2011: früherer Bestand von diskussion21.de; Lichtauge auf dem Hallendach, April 2026 (Ausschnitt): Mussklprozz, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons; Gleisfeld vom Bahnhofsturm, 2008: Xocolatl, gemeinfrei, Wikimedia Commons; Bahnsteig mit Aufsichtskabine, 2023 (Ausschnitt): JoachimKohler-HB, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons; Bahnsteighalle am Tag der offenen Baustelle 2026: Mussklprozz, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.