Wie viele Bahnhöfe im Land stufenfrei sind
Bevor Milliarden in einen einzigen Bahnhof fließen, lohnt der Blick auf die vielen kleinen. Zwei Anfragen aus den Jahren 2008 und 2009 zeigen, wie es um die Stationen in Baden-Württemberg stand.

Inhalt
Die Antwort an den Bundestag (2009)
Im September 2009 wollte eine Bundestagsfraktion in einer Kleinen Anfrage wissen, wie viele Personenbahnhöfe in Baden-Württemberg barrierefrei sind. Die Bundesregierung antwortete am 29. September 2009 mit Zahlen zum Stand 1. Januar 2009, aufgeschlüsselt nach den Bahnhofskategorien der DB. Kategorie 1 sind die großen Knoten wie Stuttgart und Karlsruhe, Kategorie 6 kleine Halte auf dem Land.
| Kategorie | Bahnhöfe | vollständig stufenfrei | nicht oder nur teilweise stufenfrei |
|---|---|---|---|
| 1 | 3 | 2 | 1 |
| 2 | 4 | 3 | 1 |
| 3 | 39 | 21 | 18 |
| 4 | 46 | 36 | 10 |
| 5 | 240 | 156 | 84 |
| 6 | 338 | 266 | 72 |
| Summe (eigene Rechnung) | 670 | 484 (72,2 %) | 186 (27,8 %) |
Auffällig: In der Kategorie 3, also bei mittelgroßen Bahnhöfen, war fast jeder zweite nicht oder nur teilweise stufenfrei.
Zwischen 2005 und 2008 wurden laut derselben Antwort 34 Bahnhöfe im Land barrierefrei umgebaut: zwei der Kategorie 3, vier der Kategorie 4, zwanzig der Kategorie 5 und acht der Kategorie 6.
Geplante Umbauten 2009 bis 2011
Mit den Konjunkturprogrammen nach der Finanzkrise sollten bis Ende 2011 weitere Stationen stufenfrei werden. Die Antwort nannte zwei Listen.
Über das Bahnhofsprogramm des Konjunkturpakets:
- Kategorie 1: Karlsruhe
- Kategorie 3: Pforzheim, Heilbronn, Aalen
- Kategorie 4: Esslingen
- Kategorie 5: Süßen, Eislingen/Fils, Ebersbach, Oberkochen, Ötigheim
Darüber hinaus, mit oder ohne Förderung des Bundes:
- Kategorie 4: Tübingen, Waiblingen, Wendlingen (Neckar)
- Kategorie 5: Benningen (Neckar), Graben-Neudorf, Grunbach, Kirchheim (Teck), Kirchheim (Teck)-Ötlingen, Konstanz-Petershausen, Philippsburg (Baden), Renningen, Schwaikheim, Schwenningen (Neckar)
- Kategorie 6: Kirchberg (Murr)
Renningen stand 2009 auf dieser Liste. Die beiden Fotos zeigen den Bahnsteig dort im Jahr 2019 und einen neuen Bahnsteig in Schwäbisch Gmünd.


Die Antwort an den Landtag (2008)
Schon im Mai 2008 hatte die Landesregierung eine ähnliche Anfrage im Landtag beantwortet. Die Zahlen stammen von DB Station&Service und zählen alle Verkehrsstationen, also auch reine Haltepunkte:
| Erreichbarkeit der Bahnsteige | Stationen | Anteil |
|---|---|---|
| barrierefrei | 467 | 71,19 % |
| teilweise barrierefrei | 170 | 25,91 % |
| nicht barrierefrei | 19 | 2,90 % |
Die beiden Statistiken zählen unterschiedlich und lassen sich nicht direkt verrechnen. Sie kommen aber auf eine ähnliche Größenordnung: Gut zwei Drittel der Stationen galten als barrierefrei, knapp ein Drittel nicht oder nur zum Teil.
Für die Modernisierung hatten Innenministerium und DB Station&Service ein Programm über zehn Jahre aufgelegt. Es hatte fünf Bausteine:
- Ausbau der Knotenbahnhöfe,
- streckenbezogene Maßnahmen an den Unterwegsbahnhöfen,
- Erneuerung des Erscheinungsbildes der Empfangsgebäude,
- Reisendeninformation an den Bahnsteigen,
- betriebliche Maßnahmen.
Für die Barrierefreiheit war vor allem der erste Baustein gedacht: Knotenbahnhöfe sollten nicht Stück für Stück, sondern auf einmal modernisiert werden.
Was „stufenfrei“ in der Statistik heißt
Zahlen wie diese sind nur so gut wie ihre Definition. Im Juni 2011 berichtete eine Zeitung über Erkenntnisse von Prüfern zur Deutschen Bahn. Die Prüfer waren auf eine Übereinkunft zwischen Bahn und Bund gestoßen, 3.900 kleinere Bahnhöfe, 69 Prozent aller Stationen, pauschal als „stufenfrei“ zu bewerten, auch wenn ihre Bahnsteige nur über Treppen erreichbar sind.
Ob und wie weit diese Übereinkunft die Zahlen für Baden-Württemberg beeinflusst hat, lässt sich aus den Antworten nicht ablesen. Sie ist aber ein guter Grund, bei jeder Statistik zur Barrierefreiheit nach der Zählweise zu fragen.

Das Argument der Kritiker
Kritiker zogen aus diesen Zahlen 2011 einen Schluss, der in der Debatte immer wieder auftauchte: Ein modernisierter Kopfbahnhof koste etwa ein Drittel von Stuttgart 21. Mit dem Rest des Geldes ließen sich viele der Stationen im Land barrierefrei umbauen, die es noch nicht sind. Ob diese Rechnung aufgegangen wäre, ist heute nicht mehr zu prüfen. Sie zeigt aber, worum es ihnen ging: um barrierefreie Bahnhöfe im ganzen Land, nicht nur um einen.
Bildrechte, teils als Ausschnitt: Bahnhof Kirchheim (Teck)-Ötlingen, 2022: Giftzwerg 88, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons; Bahnhof Renningen, 2019: Giftzwerg 88, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons; Bahnhof Schwäbisch Gmünd: qwesy qwesy, CC BY 3.0, Wikimedia Commons; Endhaltepunkt Dettenhausen, 2006: D. Beutler, gemeinfrei, Wikimedia Commons.