Die Aussagen der Bahn im Abgleich
Die Bahn hat sich zu Barrierefreiheit und Brandschutz oft geäußert, am ausführlichsten in schriftlichen Antworten ihres Vorstands. Wir haben diese Aussagen gesammelt und neben die Pläne gelegt.

Inhalt
Fragen auf direktzu
Für Stuttgart 21 gab es auf der Plattform direktzu eine eigene Seite, auf der Bürger Fragen an die Projektverantwortlichen stellen konnten. Zwischen September 2010 und Mai 2011 kamen elf Fragen zu Barrierefreiheit, Brand und Sicherheit zusammen. Wir geben sie ohne die Namen der Fragenden wieder.
| Gestellt | Frage, sinngemäß | Antwort |
|---|---|---|
| 22.09.2010 | Wie geht es weiter, wenn der S-Bahn-Tunnel oder der Fildertunnel gesperrt ist, zumal die Gäubahn stillgelegt werden soll? | Bahnvorstand, 21.10.2010 |
| 24.09.2010 | Gibt es Rettungstunnel, wenn ein Zug im Tunnel liegen bleibt oder entgleist? | keine, Beitrag archiviert |
| 24.09.2010 | Stimmt es, dass der neue Bahnhof die Normen für behindertengerechtes Reisen nicht erfüllt? | Bahnvorstand, 10.12.2010 |
| 22.10.2010 | Wird die UN-Behindertenrechtskonvention beachtet, und sind Betroffene beteiligt? | keine, Beitrag archiviert |
| 02.12.2010 | Können Rollstuhlfahrer aus der Region an der Planung mitwirken? | Projektsprecher, 21.12.2010 |
| 16.12.2010 | Wie sollen Fluchtwege barrierefrei werden, wie im Schlichterspruch gefordert? | Bahnvorstand, 25.01.2011 |
| 29.12.2010 | Wie kommen Fahrgäste bei Stromausfall aus den Tunneln, und gibt es Rettungszüge? | Bahnvorstand, 04.03.2011 |
| 24.01.2011 | Wie werden Verletzte bei Brand oder Unfall im Tiefbahnhof gerettet? | keine, Beitrag archiviert |
| 07.02.2011 | Könnten Fahrsteige einige Rolltreppen ersetzen? | Bahnvorstand, 07.03.2011 |
| 21.02.2011 | Wird die Evakuierung eines ICE im Fildertunnel realistisch geübt, auch mit behinderten Menschen? | Bahnvorstand, 14.03.2011 |
| 04.05.2011 | Welches Verkehrskonzept gilt, wenn ein Tunnel nach einem Brand monatelang unbefahrbar ist? | beim Sammeln noch in Beantwortung |
Sieben der elf Fragen wurden beantwortet, drei blieben ohne Antwort und wurden archiviert. Gerade die Frage nach der Rettung Verletzter aus dem Tiefbahnhof gehört zu denen ohne Antwort.
Vier Antworten, genauer gelesen
Behindertengerechtes Reisen (Dezember 2010). Die Bahn schrieb, bei der Planung seien „alle geltenden Vorschriften“ berücksichtigt worden. Der neue Bahnhof werde von allen Seiten komplett barrierefrei sein, im Gegensatz zu heute, wo nur am Nordeingang ein barrierefreier Zugang existiere. Der Satz verschweigt, dass die Bahnsteige des Kopfbahnhofs ebenerdig liegen, während im Tiefbahnhof jeder Weg zum Zug über Aufzüge führt.
Barrierefreie Fluchtwege (Januar 2011). Die ausführlichste Antwort. Ihre Kernaussage: Brennt es, sind die Aufzüge gesperrt, und Mitreisende und Personal sollen helfen. Wir haben sie Satz für Satz auf der Seite Fluchtwege kommentiert.
Stromausfall und Rettungszüge (März 2011). Die Antwort beschreibt das Sicherheitskonzept der Tunnel mit vier Stufen. In einem Nebensatz steht, in den Stationen könnten sogenannte Feuerwehraufzüge „auch von den Fahrgästen genutzt werden“. Das passt nicht zur Antwort vom Januar. Mehr dazu unter Fildertunnel.
Evakuierung im Fildertunnel (März 2011). Die Frage nach konkreten Zahlen, also wie viele Menschen an einer Übung teilnehmen, in wie vielen Minuten ein Zug geräumt sein muss und wie viele behinderte Menschen mitüben, blieb unbeantwortet. Die Antwort verweist auf eine Einsatzübung mit der Feuerwehr vor der Inbetriebnahme und auf die Abnahme durch das Eisenbahn-Bundesamt.

Die Broschüre „21 gute Gründe“
Im Herbst 2010 verteilte die Bahn eine Broschüre mit „21 guten Gründen“ für Stuttgart 21. Kritiker lasen sie mit einer einfachen Frage: Welche Sicherheit und welche Barrierefreiheit verspricht die Bahn darin für die Menschen im Bahnhof?
Das Wort „sicher“ kommt mehrfach vor. Gemeint sind aber der Platz der Region auf der Magistrale von Paris nach Budapest, der Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg und ein sicherer Bauablauf. Einmal ist die „Bahnsicherheit“ unter den Einrichtungen im Bahnhofsgebäude aufgezählt.
Das Wort „barrierefrei“ findet sich in drei Sätzen: Die Reisenden erwarte ein Raum „mit barrierefreien und kurzen Wegen zu den Zügen“; die Bahnsteige seien „durch zahlreiche kurze und barrierefreie Wege“ verbunden; und: „Jeder Ein- und Ausgang wird barrierefrei gestaltet sein.“ Dazu der Satz, über 50 Rolltreppen und Aufzüge verbänden die Ebenen.
Was am Tiefbahnhof sicherer oder barrierefreier sein soll als am Kopfbahnhof, begründet keiner der 21 Gründe.
Dialog21: „komplett barrierefrei“
Schon im September 2010 hatte die Projektbroschüre „Dialog21“ in ihrer zweiten Ausgabe getitelt: „Neuer Stuttgarter Bahnhof komplett barrierefrei“. Im Text fanden sich dazu zwei kurze Sätze: Der neue Hauptbahnhof werde komplett barrierefrei gestaltet, und die Bahnsteige blieben auch während der Bauzeit barrierefrei erreichbar. Außer der Überschrift blieb es bei dieser Absichtserklärung.
Das Forum Barrierefrei im Rathaus
Am 11. Januar 2011 luden Bahn und die Bürgerbeauftragte der Stadt für das Projekt zum „Forum Barrierefrei“ ins Rathaus. Nach mehreren Vorträgen gab es eine Pause. Bevor die Diskussion mit dem Publikum begann, beendete das beauftragte Kamerateam die Aufzeichnung.
Darauf angesprochen, sagte die Bürgerbeauftragte, man wolle die Diskussion in den Veröffentlichungen zum Forum berücksichtigen. Wo das geschehen sein soll, war für die Teilnehmer später nicht nachzuvollziehen. Die Diskussion selbst ist nur durch Aufnahmen von Projektkritikern dokumentiert.
„Achtung am Bahnsteig“
Im September 2011 startete die Bahn eine Sicherheitskampagne mit kurzen Filmen: „Achtung am Bahnsteig“. Die vier Filme hießen „Gleisüberquerung“, „Flirt“, „Kinderwagen“ und „Koffer“. Für einen Bahnhof, dessen Bahnsteige sechsmal so stark geneigt sind wie üblich, sind die beiden letzten Titel bemerkenswert.
Die Kooperationsvereinbarung von 2012
Im November 2012 unterzeichneten die Bahn und der Dachverband integratives Planen und Bauen eine Kooperationsvereinbarung „für barrierefreie Bahnhöfe im Projekt Stuttgart 21“. Kritiker fragten am selben Tag in einer Pressemitteilung, ob damit die Barrierefreiheit „verkauft“ werde. Den Inhalt der Vereinbarung kennen wir nur aus den Pressemitteilungen beider Seiten. Wer im Bündnis der Verbände vertreten war, steht auf der Seite Behörden und Studien.
Bildrechte, teils als Ausschnitt: Bonatzbau während des Umbaus, November 2022 (Ausschnitt): Mussklprozz, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons; Verteilerebene im Bahnhof Löwenstrasse, Zürich: Hoff1980, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.