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Die Engstellen neben den Rolltreppen

Zehn Meter breit sollen die Bahnsteige im neuen Tiefbahnhof sein. An sechzehn Stellen sind es nur 2,04 Meter, und ein Teil davon gehört zur Sicherheitszone an der Bahnsteigkante.

Schema der Bahnsteige 1 bis 4 mit den Stegen A, B und C; rote Pfeile markieren die 2,04 Meter breiten Durchgänge am Steg B
Inhalt
  1. Wo die Bahnsteige schmal werden
  2. Wer an der Engstelle vorbei muss
  3. Was Normen und Fachleute zur Breite sagen
  4. Begegnungen auf 1,24 Metern
  5. Der Test mit dem Holzmodell
  6. Einordnung 2026

Wo die Bahnsteige schmal werden

Der Tiefbahnhof hat vier Bahnsteige. Über sie hinweg laufen drei Stege, A, B und C, von denen Treppen, Rolltreppen und Aufzüge hinunter zu den Zügen führen. Am mittleren Steg B stehen je Bahnsteig zwei Festtreppen und vier Rolltreppen. Sie nehmen die Mitte des Bahnsteigs ein, und links und rechts davon bleibt nur ein Streifen frei.

Dieser Streifen ist 2,04 Meter breit. Davon gehen 0,80 Meter ab, die zwischen dem weißen Markierungsstreifen und der Bahnsteigkante liegen: der Gefahrenbereich, in dem man sich bei einfahrenden Zügen nicht aufhalten soll. Zum Gehen bleiben 1,24 Meter, und zwar jeweils auf neun Metern Länge.

Warum nicht breiter? Der Bahnhof liegt in einer Schneise zwischen dem Bonatzbau und dem Gebäude der Landesbank Baden-Württemberg. Diese Schneise ist auf 80 Meter begrenzt, die Bahnsteighalle selbst ist etwa 75 Meter breit. Mehr als zehn Meter je Bahnsteig gibt der Platz nicht her, und am Steg B kommen die Treppenanlagen dazu.

Draufsicht einer Engstelle: Gehweg 1,24 Meter, Gefahrenbereich 0,80 Meter, zusammen 2,04 Meter auf 9 Metern Länge; ein quer gestellter Kofferkuli füllt den Gehweg fast ganz aus

Wer an der Engstelle vorbei muss

In einer Sitzung des Dachverbands integratives Planen und Bauen erklärten Vertreter der Bahn, die meisten Reisenden würden zum Steg B strömen, der Bereich der Engstelle werde „eher nicht genutzt“. Das hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Durch die Engstelle müssen:

  1. alle, die den Aufzug am Steg A oder C erreichen wollen, also Menschen mit Rollstuhl, Rollator, Kinderwagen oder viel Gepäck;
  2. alle, die durch den Personentunnel zur S-Bahn umsteigen;
  3. Ankommende, deren Wagen in diesem Abschnitt hält;
  4. Wartende, deren reservierter Platz laut Wagenstandsanzeiger in diesem Abschnitt liegt;
  5. bei Verspätungen alle Wartenden zweimal: Fährt Zug B vor dem verspäteten Zug A ein, wechseln die Wartenden von Abschnitt A nach B und umgekehrt;
  6. Ortsfremde, die im falschen Abschnitt stehen und durch beide Engstellen zurückmüssen.

Besonders schwierig wird es beim Ein- und Aussteigen mit Rollstuhl. Hält der Wagen mit dem Rollstuhlplatz an einer Engstelle, kann die im Zug eingebaute Rampe zwar ausgeklappt werden. Es fehlt aber die Fläche, um auf die Rampe zu rangieren. Ein mobiler Hublift passt dort ebenfalls nicht hin. Die Verspätung ist dann eingebaut.

Auf der Skizze von 2011 markieren rote Pfeile die Engstellen neben den Treppen des Steges B, grüne Kreise die Aufzüge.

Planskizze der vier Bahnsteige mit den Stegen A, B und C; rote Pfeile markieren die Engstellen, grüne Kreise die Aufzüge

Was Normen und Fachleute zur Breite sagen

Für Bahnsteige gilt die Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung. Sie schreibt Breiten abhängig von der Geschwindigkeit auf dem Gleis vor. Ein Fachblog fasste die Vorgabe 2011 so zusammen:

Heute fordert die EBO für Bahnsteige in Mittellage selbst am Ende eine Mindestbreite von 2,80 Metern, wenn dort kein Ausgang ist und langsamer als 160 km/h gefahren wird.

Quelle: berlinhauptbahnhof.wordpress.com, Beitrag „Bahnsteigbreiten im Verhältnis“, 2. März 2011

Die Architektenkammer Baden-Württemberg verlangt in ihrer Broschüre „Barrierefreies Bauen“ an Haltestellen eine Bewegungsfläche von 250 Zentimetern Tiefe. Dort muss genug Platz sein, um sich mit Rollstuhl oder Kinderwagen um 90 Grad zu drehen, zurückzusetzen und eine Rampe oder ein Hubpodest aus dem Fahrzeug zu nutzen.

Breite an der S21-Engstelle im Vergleich
SituationBreite
Gehweg an der S21-Engstelle1,24 m
Bahnsteig an der Engstelle insgesamt2,04 m
Bewegungsfläche an Haltestellen laut Architektenkammer2,50 m
Mittelbahnsteig am Ende ohne Ausgang laut EBO2,80 m

Im Planfeststellungsbeschluss findet sich zu dieser Frage nur eine Zusage:

Zudem hat die Vorhabenträgerin zugesagt, die einschlägigen technischen Normen einzuhalten. Mögliche Optimierungen wird sie im Zuge des weiteren Verfahrens in die Unterlagen einarbeiten.

Quelle: Planfeststellungsbeschluss PFA 1.1, Abschnitt 4.8.2.4, S. 371

Welche Normen gemeint sind und ob die Engstellen sie erfüllen, steht dort nicht. Mehr zum Beschluss auf der Seite Planfeststellung.

Begegnungen auf 1,24 Metern

Ein Kofferkuli ist 1,10 Meter lang. Wer ihn quer stellt, um auszuweichen, blockiert die Engstelle. Im Alltag sieht das so aus:

  • Ein Rollkoffer und ein Rollstuhl kommen nicht aneinander vorbei.
  • Eine Familie muss hintereinander gehen, die Kinder an der Hand gehen nicht mehr nebeneinander.
  • Ein Zwillingskinderwagen braucht die ganze Breite; ein drittes Kind müsste im Gefahrenbereich oder hinterherlaufen.
  • Bei Gegenverkehr geht es nur im Gänsemarsch, und wer stehen bleibt, staut alle hinter sich.

Wie eng das wird, zeigten Kritiker 2011 mit einer Collage: Gedränge auf einem Hamburger Bahnsteig, montiert unter das geplante Gewölbe von S21. Daneben ein Bahnsteig in Rosenheim während einer Baustelle, mit ähnlichen Maßen wie an den Engstellen.

Collage: dichtes Gedränge auf einem Bahnsteig neben einem Hochgeschwindigkeitszug unter einem hellen HallengewölbeZwei Menschen im Rollstuhl auf einem schmalen Bahnsteig in Rosenheim, links das Gleis, rechts ein Geländer

Der Test mit dem Holzmodell

Im März 2011 bauten Bürger auf dem Stuttgarter Schlossplatz eine Engstelle im Maßstab 1:1 nach, aus Holz, mit Gefälle und feinkörnigem Bodenbelag. Von der Rundung der Rolltreppe bis zur Vorderkante des Modells waren es 1,35 Meter, also etwas mehr als an der echten Engstelle. Danach zog das Modell durch die Region:

Stationen des Engstellen-Modells 2011
DatumOrt
26.03.2011Stuttgart, Schlossplatz (erster Aufbau)
07.05.2011Sindelfingen
18. und 19.06.2011Stuttgart, Nordausgang des Hauptbahnhofs (vereinfachte Version)
08.07.2011Reutlingen
16.07.2011Esslingen
30.07.2011Radolfzell (vereinfachte Version)
01.08.2011Lahr (vereinfachte Version)
24.09.2011Ulm
29.09. bis 01.10.2011Winnenden
07. und 08.10.2011Ludwigsburg

Ende März 2011 markierten Teilnehmer die Breite zusätzlich auf einem Bahnsteig des heutigen Hauptbahnhofs. Ein Sicherheitsmitarbeiter der Bahn kommentierte laut Videoaufnahme: „Das reicht definitiv nicht aus!“

Einordnung 2026

Die Bahnsteighalle steht im Rohbau, die Breite der Bahnsteige ist gebaut. Ob die Treppenanlagen am Steg B gegenüber den Plänen von 2005 verändert wurden, lässt sich aus den Unterlagen dieses Dossiers nicht ablesen. Wer aktuelle Ausführungspläne kennt, kann uns schreiben: [email protected].

Die Frage bleibt dieselbe wie 2011: Was passiert an einer 1,24 Meter breiten Stelle, wenn ein voller Regionalzug einfährt und gleichzeitig jemand mit Rollstuhl zum Aufzug will?

Aktualisiert im Oktober 2026.

Bildrechte, teils als Ausschnitt: Schema der Engstellen, Juli 2011: Zwiegel, CC0, Wikimedia Commons; Grafik Engstelle: eigene Darstellung, frei mit Quellenangabe; Skizze Zugänge und Engstellen, November 2011: Zwiebel21, früherer Bestand von diskussion21.de; Collage Gedränge unter dem S21-Gewölbe, 2011: früherer Bestand von diskussion21.de; Bahnsteig in Rosenheim während einer Baustelle: früherer Bestand von diskussion21.de.